Gegen Ende eines Workshops blicken die Mitglieder der Geschäftsleitung überrascht hoch: «Wir sind ja gleich weit wie vorher!» Ich frage einen der Männer in der Runde, die sich nach der längeren Diskussion ratlos und etwas erschöpft anschauen, ob ich versuchen darf, für ihn zu sprechen. Er ist einverstanden. Ich stelle mich hinter ihn, schaue die andern an und sage: «Eigentlich würde ich gerne zurücktreten, aber ich möchte dabei auf gar keinen Fall mein Gesicht verlieren.» Dann gehe ich nach vorne und stelle mich wieder neben den Flipchart. Wir schauen uns an, er nickt langsam.
In einer Kick-off-Sitzung fordert ein Kollege die Runde auf: «Es sollten sich hier alle engagieren und einbringen!» Als Diskussionsleiterin gebe ich zu bedenken, dass es manchmal gute Gründe gibt, weshalb jemand gegen aussen unbeteiligt ist. Jahre später, bei einem Kaffee, kommt der Mann, der hier angesprochen war, darauf zurück: Er erinnere sich noch gut an die Situation, in der er zum Sprechen gedrängt worden sei. Für ihn sei es bereits eine Leistung gewesen, an die Sitzung zu kommen, seine Frau hätte ihn am Vorabend verlassen.
Der Rektor einer Berufsfachschule «liefert» einen 22-jährigen Lernenden bei mir ab. Dies sei seine letzte Chance, wenn er den Lehrabschluss schaffen wolle. Der junge Mann hat bereits Familie. «Ich brauche diesen Abschluss, ich muss Geld verdienen!» Es folgen drei Monate harter Arbeit, in denen wir uns alle zwei bis vier Wochen während einer Stunde nach seinem Feierabend sehen. Wir beschäftigen uns mit Lernstrategien, mit der Familiensituation, mit dem Beruf, mit der Beziehung zwischen ihm und seinen Lehrern, vor allem aber mit dem Schulstoff. Einmal gehen wir auf einen Spaziergang, weil er seine Wut einem Vorgesetzten gegenüber loswerden muss. In diesen Wochen verliert der junge Mann auch noch die Lehrstelle. Praktisch selbständig, mit etwas Unterstützung meinerseits, organisiert er eine Werkstatt, in der er üben und sein Werkstück für die Abschlussprüfung erstellen kann. Die abschliessende Rückmeldung an mich: «Was wir gemacht haben, war schon alles in Ordnung. Aber wirklich geholfen hat mir, dass ich bei Ihnen einen Ort hatte, an dem ich mich konzentrieren musste und wo keine Ablenkung möglich war.»
Ein grösseres Bildungsprojekt ist stecken geblieben. Zusammen mit der Führung der Institution und den Projekt-Mitarbeitenden organisiere ich einen zweitägigen Workshop, um es wieder flott zu machen. Zum Einstieg in die gemeinsame Analyse schlage ich eine Aufstellung vor, bei der sich alle um ein opulentes Blumengesteck mitten im Raum gruppieren; es symbolisiert das Projektziel. Die Teilnehmenden sollen sich so aufstellen, wie sie zusammenarbeiten: je näher beieinander, desto enger und besser. Gleichzeitig sollen sie sich so nah zu den Blumen stellen, wie sie mit dem Projekt identifiziert sind. Nach kurzen Gesprächen, einigem Lachen und Hin- und Herschieben stehen alle an ihrem Ort. Zwei Personen aus der Führung berühren die hohe Schale mit dem Bouquet. Dann wenden sich fast gleichzeitig drei, vier Teilnehmende an den Projektleiter, der am anderen Ende des Raums steht: «Was machst du denn DORT?» Ich mache mir Notizen, interviewe die eine oder andere Person zu ihrem Standort, frage nach und spreche an, was mir auffällt. Nach diesen einführenden 20 Minuten beginnt die gemeinsame, detaillierte Analyse des Projekts.
Mein Coachee ist eine etwa 50-jährige Frau. Sie ist beruflich sehr eingespannt, unter anderem entwickelt sie einen Lehrplan für die Weiterbildungsinstitution eines grossen Berufsverbands. Sie möchte von mir eine Kombination aus beruflichem Coaching und aus Fachberatung. Im Lauf des Coachings werden ihre grossen Bedenken immer vordringlicher: die Furcht, eine wichtige Prüfung, die in einem halben Jahr stattfindet, nicht zu bestehen. Gemeinsam kommen wir darauf, dass sie Unterstützung bei einer Psychiaterin holt, die mit Traumata umgehen kann. Sie besteht die Prüfung. Parallel dazu geht sie ihren eigenen beruflichen Weg weiter, distanziert sich etwas von der kleinen Firma ihres Mannes, in der sie lange eine wichtige Rolle spielte, und zieht für die Organisationsfragen einen Spezialisten bei, den ich ihr vermittelt habe.
